Warum ist es manchmal so schwer, gut für sich selbst zu sorgen?

Ich schrieb in meinem vorherigen Eintrag, dass eine gute Selbstfürsorge mit steigender Zufriedenheit einher geht.

Wenn Sie sich auf den Weg machen, gut für sich zu sorgen, heißt das oft auch, Sie müssen sich an Veränderungen heran machen. Sie müssen sich zum Beispiel disziplinieren, den regelmäßigen Lauftermin fest in ihre Planung einzubauen. Und für den Entspannungskurs anmelden und einige Abende regelmäßig hingehen und zwischen den Termine auch noch üben, damit der Kurs seine Wirkung zeigen kann. Dabei gilt es neben der erforderlichen Disziplin und einem gewissen Durchhaltevermögen vielleicht noch die Kinderbetreuung abzusichern, je nachdem wie alt Ihre Kinder sind. Aber das meiste davon liegt nur bei Ihnen. Bei anderen Projekten der Selbstfürsorge wird aber unser Umfeld viel stärker miteinbezogen.

Für Sie sind die angedachten Veränderungen vermutlich jetzt der richtige Weg. Bei ihrer Umgebung kann das aber einige Reaktionen auslösen und vielleicht auch zu Konflikten führen.

Dazu ein kleines Beispiel:

Sie haben als Hausfrau und Mutter wegen Ihrer Kinder über 10 Jahre auf ihre Berufs-tätigkeit verzichtet. Die Kinder sind aber jetzt „aus dem Gröbsten“ raus. Sie wollen nicht mehr „nur“ zu Hause tätig sein, sondern in Teilzeit in ihren alten Beruf zurückkehren und auch abends wieder einen freien Abend in der Woche für sich haben.
D.h. Ihr Mann muss mehr im Haushalt und der Kinderbetreuung mit ran. Die Kinder erhalten (mehr) Aufgaben in Haus und Garten. Sie erstellen einen Putzplan fürs Haus und einen für die Gartenarbeiten wie regelmäßiges Laub haken, Rasen mähen, Unkraut jäten  usw.. Zur Umsetzung dieser Pläne beraumen Sie einen Familienrat ein, denn neben ihrer Berufstätigkeit können Sie all diese Tätigkeiten alleine nicht mehr stemmen..

Sie können hier allerdings mit – zum Teil heftigen – Reaktionen rechnen. Wer verzichtet schon gerne auf eingespielte Privilegien des „Rumdum-versorgt-werdens“ von Frau und Mutter. Die Kinder versuchen Ihnen klarmachen, warum sie auf keinen Fall da einbezogen werden können und Ihr Mann (schon der Pubertät erwachsen) ist zwar eigentlich „Feminist“, aber so ernst sollten Sie es mit ihren neuen Plänen nun doch nicht meinen.

Sie riskieren also möglicherweise Auseinandersetzungen, Arbeitsverweigerung und schlechte Laune bei Ihre Familie. Die Kinder werden „rebellig“, schimpfen Sie eine Rabenmutter und sie erleben vielleicht leichte Zweifel, ob sie sich die neue Berufstätigkeit „erlauben“ dürfen. Ihr Mann hat in der nächsten Zeit besonders viel auf seiner Arbeitsstelle zu tun und schmollt.

Besser für sich selbst zu sorgen, macht Sie im ersten Schritt nicht gerade beliebter. Der Gegenwind, der sich jetzt auftut, könnte Sie vielleicht bald wieder einknicken und  in alte gewohnte Fahrwasser abgleiten lassen.

Dabei sehen Sie an der Reaktion ihrer Familie: Die kriegen das mit der Selbstsorge ganz gut hin und wenn es nur darin besteht, ihre bisher ganz bequeme und gut versorgte Position zu verteidigen. Es haben sich alle daran gewöhnt, dass Sie bislang das häusliche „Arbeitstier“ der Familie waren und bitte schön weiter sein sollen.

Wenn Sei es aber nun ernst meinen, müssen sie bestimmte Aufgaben ab sofort konsequent ablehnen und liegen lassen. Da muss über kurz oder lang die Familie mit ran, sonst wird das nichts mit ihren Plänen. Und Sie brauchen dabei einen langen Atem und ein breites Kreuz. Und vielleicht die Unterstützung einer Ihnen wohl gesonnenen Freundin. Am besten sogar, eine die „das Alles“ schon in ihrer Familie durch hat. Sie meinen das Beispiel wäre zu extrem gewählt, schauen sie sich bitte in ihrem Bekannten- und Freundeskreis ehrlich um. Ich kenne privat und aus meiner Praxis einige Familien, die ich hier als Blaupause hätte nehmen können.

Es gibt natürlich auch andere Beispiele, etwa in der Arbeitswelt:
Sie haben lange Zeit für ihren faulen Kollegen mitgedacht und viele seiner Fehler immer wieder ausgebügelt. Irgendwie sind Sie aufgrund ihrer großen Hilfsbereitschaft über die Jahre in diese Helferrolle reingerutscht. Manchmal wurde es Ihnen gedankt, ein anderes Mal hat er es nicht mal zur Kenntnis genommen. Sie brauchen aber jetzt ihre Energien für Ihre eigenen Projekte. Deshalb soll ab nächster Woche mit dem „Ausputzen“ konsequent Schluss sein. Soll er sich selbst um seine Pannen kümmern und sich das Geld das er erhält endlich auch wirklich durch gute Arbeit verdienen.

Bei solchen Veränderungen heißt es, sich dem aufkommenden Gegenwind zu stellen. Und der kann manchmal je nach Situation und Beteiligten bis zur Tsunami-Stärke anwachsen.

Um am Abbau unseres Ausgenutzt-werdens, unserer Überforderung oder dem Wunsch nach neuen Wegen zu arbeiten, müssen wir vor allem eines lernen: die Reaktionen anderer Menschen auszuhalten und dagegen zu positionieren.

  • Manche werden uns nicht mehr so nett und liebeswürdig finden. Wir müssen deren Ärger ertragen, manche werden uns egoistisch nennen.
  • Vielleicht schneiden uns ein paar aus unserem Umfeld und brechen den Kontakt ab. Das ist – zum Glück- in der eigenen Familie nicht ganz so einfach.
  • Wir müssen mit manchen Kontaktabbrüchen leben lernen. Manchmal auch das Gefühl des Alleine-da-Stehens aushalten können. Kontaktabbruch ist leider nicht nur in der Erziehung ein immer noch verwandtes Mittel, sondern auch unter (beleidigten) Erwachsenen.
  • Der Freundeskreis oder auch die befreundeten KollegInnen sortieren sich vielleicht neu. Nach echten und vermeintlich guten Freunden und KollegInnen.
  • Vielleicht müssen wir auch schlimmere Konsequenzen ertragen. Neben doch nicht so tollen Freundschaften können wir auch Ansehen, Aufstiegschancen, Einladungen zu Feiern oder vielleicht sogar den Job verlieren.

Wenn Sie solche unangenehme Erfahrungen nicht riskieren möchten, sollten Sie sich natürlich nicht bewegen und alle komischen Gedanken der verstärkten Selbstfürsorge, um die es hier geht, schnell wieder vergessen. Den das, was Sie vielleicht vorhaben, könnte Sie aus der oft zitierten und friedlichen Komfortzone herausführen. Da ist es – zumindest zu Beginn Ihres Weges – eben nicht immer nur kuschelig.

Bedenken Sie:  Wenn es für Sie besser werden, soll muss es anders werden!

Es läuft letzten Endes auf die Frage hinaus:

Wie wichtig ist Ihnen der Wunsch besser für sich und ihre Bedürfnisse und Wünsche zu sorgen? Wie viel sind Sie sich selber wert? Die Bibel schrieb ja schon: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“

Ich glaube:  Menschen, die Sie wirklich lieben, werden Sie nicht von sich abwenden, wenn Sie beginnen, gut für sich sorgen – sondern Ihnen Respekt zollen!  Vielleicht weil diese wahren Freunde auch gut auf sich achten gelernt haben?!

Für Ihr Arbeitsleben könnte das heißen, ihr Bild der/des Machers/in und Helfers/in in Frage stellen und verstärkt auf ihre Grenzen achten. D.h. auch ihre inneren Antreiber wie „Sei stark“, „Sei beliebt und mach es allen recht“  oder „Sei perfekt befragen“ analysieren und in Schach halten. Und öfters einmal überprüfen, was Sie ein eigentlich tief in Ihrem Inneren möchten und ob Sie dem (noch) auf der Spur sind.

Wir denken noch viel zu oft, dass „Harmonie und lieber Friede“ das einzig Wahre ist. Dabei ist auch – oder gerade – ein Nein sehr wichtig, um gute Beziehungen herzustellen und zu erhalten. Ob nun unter KollegInnen am Arbeitsplatz oder in der Familie – unsere Mitmenschen müssen wissen, was wir nicht mögen und leisten können oder wollen und wo unsere Grenzen sind.

Wie einmal ein Kollege formuliert hat:

„Harmonie ist nicht das Ziel sondern das Abfallprodukt gelebter Auseinandersetzungen. Ich darf ich sein, mit allen Facetten und dafür werde ich geliebt und respektiert.“

Ich wünschen Ihnen gute Erfolge auf Ihrem Weg der Selbstfürsorge und erfreuen sie sich an den ersten kleinen Schritten, die Ihnen hoffentlich gut gelingen.

Wie immer freue ich mich auf Ihre Reaktionen und Meinungen.

Danken möchte ich den Kolleginnen und Kollegen von ww.zeitzuleben.de, bei denen ich vor einiger Zeit einige interessante Hinweise zu diesem Thema fand. Generell ist das eine ganz wunderbare und reich gefüllte Seite, die ich Ihnen unbedingt ans Herz legen möchte.

 

 

 

Ein Gedanke zu „Warum ist es manchmal so schwer, gut für sich selbst zu sorgen?

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