Papa, wo bist du? Über die Vätersehnsucht

Unsere Eltern sind die Menschen, die in unserem Leben am stärksten geprägt haben. Besonders in den ersten Lebensjahren ist das Fehlen eines oder sogar beider Elternteile eine tief einschneidende Erfahrung.

Heute soll es in diesem Beitrag um das Fehlen des Vaters gehen. Dazu ein ausführliches Fallbeispiel, an dem sich Vieles zum Thema erläutern lässt:

Dagmar wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und sagt: „Irgendwie ist das doch auch alles ernüchternd“. Sie ist über 2 Jahren in Abständen immer wieder zu mir in die Praxis gekommen, um sich mit ihrem damals noch unbekannten Vater auseinanderzusetzen.  Dieser war  in den 60er Jahren mit ihrer Mutter 2 Jahre lang

zusammen und wurde aber von der Ärzte-Großfamilie der Mutter als einfacher Handwerker und Vater von Dagmar nicht akzeptiert. Die Mutter wurde gezwungen, die Beziehung noch  während der Schwangerschaft mit Dagmar  zu beenden und fügte sich dem großfamiliären Druck.

 Dagmar wuchs in der Großfamilie mit Mutter und Großeltern und einigen Tanten, Onkel und Cousinen und Vettern auf. Diese wohnten in der Kleinstadt alle nahe beieinander. Als sie sieben Jahre alt war, heiratete die Mutter Dagmars Stiefvater. Dieser adoptierte sie und zu dritt bezogen sie eine eigene Wohnung. Dabei hatte sich Dagmar  im Kreise der Großfamilie sehr wohl gefühlt. Besonders der Opa konnte ihr über das Fehlen des Vaters gut hinweg helfen und hat vieles der Vaterlücke abfedern  können. Der Stiefvater aber drangsalierte sie nun regelmäßig mit kleinen und großen Schikanen. Die Mutter ließ ihm dabei freie Hand.

 Es schien so, als wollte er vor allem Dagmars Mutter heiraten und hatte ihr Kind zähneknirschend akzeptiert. Das Lieblingskind war dann die Schwester, die er mit Dagmars Mutter bekam, als Dagmar 9 Jahre alt war. Eine zweite Schwester kam dann noch ein Jahr später. Auf die beiden Schwestern musste Dagmar in den nächsten Jahren tagelang aufpassen, während die Eltern arbeiteten, der Vater mit Freunden loszog oder Sport trieb. Dagmar zu Hause beim Babysitten, ihre Freunde im Schwimmbad …

Zu dieser Zeit kam oft der Wunsch auf, der leibliche Vater möchte wie im Märchen erscheinen und sie in ein schöneres Leben mitnehmen. Dieser Gedanke hat sie nie losgelassen, dass es bei ihm viel besser sein müsste. Aber sie spürte auch ihre Wut, Enttäuschung und Einsamkeit, weil sie sich von ihm im Stich gelassen fühlte. 

Mit all dem kam sie dann zu mir in die Praxis. Zu ihrem 50. Geburtstag wollte sie nun endlich Kontakt zu ihm aufnehmen. Er wohnte immer noch in ihrem Geburtsort  und hatte sie 20 Jahre lang aufwachsen sehen, in der Stadt, in der Kirche, aber sie wusste nicht, wer er war. 

Dann kam es mit klopfendem Herzen zur ersehnten ersten Begegnung und es war eine große Freude auf beiden Seiten. Dem folgten Treffen zum Geburtstag, gegenseitige Besuche in den jeweiligen Wohnorten zwischen NRW und Hessen. Es gab viel zu erzählen und es wurden einige Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten, Einstellungen oder Charaktereigenschaften zwischen Vater, Dagmar und auch Dagmars damals 18 jährigen Zwillingen Max und Sophie entdeckt. Es scheint so etwas wie eine genetische Vererbung zu geben, die auch durch Aufwachsen in anderen Familien nicht verändert werden (können).

Nach  2 Jahren änderte sich die Stimmung. Der Vater – als Handwerker vielseitig einsetzbar- fand in Dagmars Haus und Garten vieles zu reparieren und zu verschönern und wollte sich regelmäßig für recht lange Wochenenden bei ihr einquartieren. Das passte Dagmar aber nicht in ihr eigenes Leben, das sie als Alleinerziehende nach dem ausbildungsdedingten Auszug von Max und Sophie nun wieder selbstbestimmert genießen wollte. Und viele seiner Ansichten waren ihr mit der Zeit doch etwas altbacken und engstirnig. Umgekehrt fühlte er sich von ihrer modernen Art immer wieder herausge- und überfordert.

50 Jahre getrenntes Leben sind nicht nachzuholen und auch nicht spurlos an beiden vorüber gegangen.

In Dagmar stieg Ärger auf, dass er nicht damals für sie und ihre Mutter gegen die „Ärzte-Sippe“ gekämpft hat. „Er ist doch ein Schlappschwanz“. Auch Groll auf die Mutter, dass sie sich nicht gegen die Großfamilie durchgesetzt hat und mit Dagmar und ihrem Vater  weggezogen war. Sie hatte immerhin einen akademischen Abschluss und hätte Anfang der Siebziger in Zeiten der Vollbeschäftigung  sicher irgendwo anders eine Stelle gefunden. Und dann fiel in einer Sitzung der eingangs erwähnte Satz: „Irgendwie ist das doch auch alles ernüchternd“.

 

Die Realität kann ernüchternd sein

Ja, es ist immer wieder ernüchternd, wenn die Realität in unser Leben tritt und unsere (tiefen) Wünsche, Hoffnungen und Ideale zurechtrückt und manchmal auch wie im Mörser regelrecht pulverisiert.

Die Ernüchterung, wenn nach einer langen Zeit der Idealisierung der reale Vater ins Leben tritt. Dann festzustellen,  dass er auch „nur mit Wasser kocht“ und seine Macken hat, eben ein Mensch „aus Fleisch und Blut ist“.

Dennoch war  die Kontaktaufnahme mit ihm meines Erachtens sehr wertvoll, um diese Idealisierungen aufzulösen und den inneren Druck herauszunehmen. Die Suche nach ihm wurde damit zum Abschluss gebracht. Alle Fantasien, „wie wäre es, wenn…“ hörten damit auf. Und Max und Sophie haben nun drei Großväter. Noch war es rechtzeitig, diese wichtige Realitätsüberprüfung vor dem Tod des leiblichen Vaters vorzunehmen.

Dass der leibliche Vater fehlte, wurde bei Dagmar durch das enge Eingebundensein in das Verwandtschaftsnetz recht gut kompensiert. Der Opa und mehrere Onkel boten sich als Ersatzväter an und unternahmen viel mit ihr und ihren Vettern und Cousinen. Mit dem Eintritt des Stiefvaters in ihr Leben wurde es in ihrer Erinnerung deutlich schlechter. Er hatte sie in seiner neuen Familie nur geduldet und nicht liebevoll wie eine eigene Tochter angenommen und dementsprechend behandelt. Die Sehnsucht nach dem unbekannten leiblichen Vater flammte wieder auf.

Selbst wenn ein neuer Vater sich optimal in seine Rolle als Stiefvater einbrächte; die Sehnsucht, den leiblichen Vater kennenzulernen, verschwindet dadurch nicht. Auch wenn sie unterschiedlich stark ausgeprägt sein mag.

Der Wunsch zu wissen, wo ich herkomme, beschäftigt alle (adoptierten) Kinder. Wenn sie das Schicksal einer Adoption erst spät von ihren Adoptiveltern erfahren, gibt es oft von den Kindern eine Aussage wie : „Ja, das habe ich irgendwie gespürt  als eine Unsicherheit oder ein Gefühl des Nicht-dazu-gehören, aber ich konnte es nicht einordnen“. Neben der Wahrheit ist es manchmal sogar eine Erleichterung, dass ihr diffuses Gefühl stimmig war. Und auch leibliche Kinder haben in ihrem Aufwachsen manchmal Phasen der Verunsicherung, in denen sie ihre Eltern befragen: „Mama, Papa seid ihre wirklich meine Eltern?“

Für das Aufwachsen des Kindes ist es sehr bedeutend, ob der Vater ganz verschwunden ist oder wie bei einer Scheidung immer noch in Kontakt mit dem Kind ist. Bei dieser zeitweiligen Vaterabwesenheit bleibt er potentiell verfügbar, egal, wann ein Wiedersehen genau sein wird. Es bleiben bei abwesenden Vätern die verinnerlichten Vaterbilder besser erhalten und die Zeiten zwischen An- und Abwesenheit bleiben (besser) überbrückbar.

Das heißt: Die Möglichkeiten zur Errichtung innerer guter und tragender Vaterbilder variieren je nach Dauer und Intensität der väterlichen Verfügbarkeit.

Der Berliner Väterforscher Horst Petri schreibt dazu in seinem Klassiker „Das Drama der Väterentbehrung“:

„Wenn der Vater wenig oder gar nicht da ist, behindert das massiv die Identifizierungsmöglichkeiten zur Ich- und Über-Ich-Entwicklung. Die Väter werden immer – auch bei mangelnder Präsenz im Alltag- für ihre Kinder in vielerlei Zusammenhängen erfahrbar und von ihnen als gute oder böse Vaterbilder verinnerlicht…“

 

Vollkommene oder teilweise Vaterlosigkeit

Bei der vollkommenen Vaterlosigkeit ist der Vater früh aus dem Leben des Kindes ohne eigene Erinnerungen an ihn verschwunden.  Dabei ist es von großer Bedeutung, wie die Mutter über ihn berichtet. Ob positiv, negativ oder neutral. Verflucht sie ihn und bietet so dem Kind ein „böses“ Vaterbild an. Oder kann sie positiv von ihm berichten und so durch die positiven Erzählungen den Vater beim Kind zu einem guten inneren Objekt werden lassen. Davon geht eine unterstützende Wirkung aus. Etwa weil sie ihn nur kurz kannte, aus den Augen verlor und später erst von ihrer Schwangerschaft erfuhr. Oder wenn der Vater bei einem Autounfall starb und vorher mit der Mutter in einer liebenvollen Beziehung lebte.

 Das positive Bild der Mutter von ihrem Mann schafft für das Kind eine emotionale Verbindung der Vater-Kind-Beziehung. Das geschah zum Beispiel oft, wenn nach dem 2. Weltkrieg der Vater vermisst war und die Rückkehr ungewiss blieb. Hunderttausende Frauen blieben mit ihren kleinen Kindern als vermeintliche Kriegswitwen zurück. Gleichzeitig war aber die Trauerarbeit erschwert, weil es keine klare Nachricht vom Tod des Vaters und Ehemanns gab.  Für die Kinder blieb nur die Hoffnung, mit Unterstützung der Mutter ein gutes inneres symbolisches Bild vom Vater aufzubauen. Ein innere Instanz, die uns im Leben hilft, sich zu behaupten oder ein Bild von Männlichkeit und Väterlichkeit zu entwickeln und zu leben.

Wenn dagegen die Mutter immer nur auf den verschwundenen Vater schimpft, wird das Kind nie ein eigenes realistisches Bild von ihm erhalten und vermutlich ein „böses“ Vater- und Männerbild entwickeln. Eine Tochter wird vermutlich dann allen Männern erst einmal mit Vorsicht begegnen oder einer Haltung, dass „allen Männer nicht zu trauen ist“.  Gleichzeitig gibt es eine Sehnsucht nach dem abwesenden Vater und eine idealisiertes Bild von ihm. Es fehlt der alltägliche Abgleich der Idealisierung mit dem gelebten Alltag.

Wichtig ist  auch, wie die Restfamilie, die Verwandtschaft, Freunde oder das Umfeld auf die Vaterlosigkeit reagieren und über den Vater berichten. Im Beispiel von Dagmar wurde jahrelang darüber geschwiegen, weder positiv noch negativ berichtet. Es gab ihn in alltäglichen Erzählungen einfach nicht. Erst als Erwachsene erfuhr sie seinen Namen und es dauerte viele Jahre, bis sie endlich Kontakt aufnahm. Immerhin haben sie aber Dagmar und ihre Mutter gut unterstützt.

 

Seit den 70er Jahren steigt die Zahl der Scheidungen (in Großstädten bis zu 50%) und die Zahl der Alleinerziehenden. Ca. 85% der Alleinerziehenden sind Mütter mit ihren Kindern.  Ich vermute, dass hier in vielen Fällen nicht so ein gutes Bild vom fehlenden oder ausgezogenen Vater vermittelt wird. Es war nicht wie in den vierziger Jahren der Krieg, der den geliebten Ehemann und Vater als Soldat „quasi“ unabänderlich aus der Familie riss.  Sondern der Vater hat die Mutter wahlweise schon früh „im Stich gelassen“, sich mit ihr nicht vertragen und in späteren Kindesjahren auch das Kind verlassen. Nach Statistiken ist ein Drittel bis die Hälfte der Väter nach einem Jahr kontaktlos aus dem Leben des Kindes verschwunden.

Sei es,

  • weil er verantwortungslos ist und ein bequemes Lebens führen möchte
  • weil er Angst vor der Vaterrolle mit all seinen Verbindlichkeiten hat
  • weil er als Trennungskind seine eigene Vaterwunde unbewusst an seine Kinder weitergibt
  • weil er einfach kein Empfinden für die Verlustgefühle, Ängste und Wut seines Kindes hat
  • oder weil er der neuen Familie mit einem neuen (Stief-)Vater nicht im Wege sein will.

Was macht der Vaterverlust mit den Jungen?

Bei einem frühen Verlust fehlt dem Jungen die direkte Identifizierungsmöglichkeit mit dem Vater, an dessen Hand er die „große Welt“ außerhalb des mütterlichen Raumes erkundet.  So ist er viel im Umfeld der Mutter und erlebt ihren Alltag: Fürsorge, Trauer, Ärger, Hilflosigkeit, Freude, liebevolle Zuwendung.  Das Fatale ist, dass der Junge dieses nicht als menschliche Eigenschaften, sondern als typisch weibliche verortet. Um ein „echter Mann“ zu werden, muss er also anders sein und werden und wehrt diese Gefühle bei sich ab bis hin zur Abspaltung ins Unbewusste.

Ein Beispiel dazu: In meiner Studienzeit in den späten Siebziger und frühen Achtzigern gab es eine Strömung innerhalb der Frauenbewegung, die nach vielen Enttäuschungen mit ihren Partnern und aus Frust gegenüber einer männerdominierten Gesellschaft das „Männer- und Vaterlose Leben“ propagierte und umzusetzen versuchte.

Ernüchternd und wohl auch ratlos mussten dann Frauen beobachten, dass die eigenen Jungen sich nun extrem mackerhaft verhielten oder gerne auch als Rabauke mit einer Spielzeugpistole rumfuchtelten. Der Kindergarten, Freunde oder das Fernsehen lieferten da genügend Vorlagen von „echten Männern“.

Es fehlten realistische Vorbilder, dass Männer auch schwach und verletzlich sind, weinen oder einfach nicht mehr weiter wissen. Eben ganz normale Eigenschaften wie sie auch die Mütter vorweisen. Männer, die sich als Aggressionspartner mit ihren Kindern auseinandersetzen und

deren Kräfte kanalisieren konnten.  Da wurde in der Männer- und Väterabwertung das Kind „mit dem Bade ausgeschüttet“.

 

Die Bedeutung für die Mädchen

Für das Mädchen fehlt der Vater, um kindliche Fantasien durchzuspielen (z.B. „ich heirate meinen Papa“), sich in ihrer Identität als Mädchen bestätigen zu können oder sich beim Ablösungsstreit mit der  Mutter bei ihm Trost zu holen. Es wird für sie schwieriger, ihre Identität als Mädchen und später als Frau zu finden. Indem sie vom Vater als – wenn auch noch sehr  junge – Frau gesehen und akzeptiert und gespiegelt wird. Wenn sie sich zum Beispiel in ihrem Spiel mit Mutters Halskette, rot bemalten Lippen und den viel zu großen Schuhen vor dem Spiegel mit ihrer Weiblichkeit ausprobiert und vom Vater darin spielerisch bestätigt wird. Und nicht etwa getadelt wird, weil sie in Mutters Sachen geräubert hat oder der Vater das  alles als „blöde Spielerei“ wegwischt.

Vaterlos aufgewachsen zu sein, kann sich später in der Gestaltung der Beziehungen zu den  Lebenspartnern zeigen. Etwa in einer starken unbewussten Vater-Übertragung verhaftet zu lange an unguten Beziehungen festzuhalten oder alle wichtigen Entscheidungen dem Ehemann zu überlassen und ihn damit eventuell zu überfordern. Der Vater als erster Mann in ihrem Leben kann den Mädchen Verlässlichkeit in der

Beziehung und tiefes Vertrauen vermitteln und liebe- und respektvolle Resonanz und Beachtung schenken. Für das Selbstwertgefühl als heranwachsende Frau bedeutet das eine nicht zu unterschätzende Grundlage. Wenn das unterbleibt, behält das Mädchen das Gefühl: „Ich bin es nicht wert, beachtet zu werden“.

Umgekehrt klagen Frauen oft, sie hätten keinen Mann zu Hause, sondern ein zusätzliches Kind geheiratet. Da geht es dann um Mutter(-söhnchen) und DAS ist ein anderes Thema.  Mein Heidelberger Blogger-Kollege Roland Kopp-Wichmann hat dazu einen kleinen Selbsttest veröffentlicht.

Es kann bei beiden Geschlechtern auch zu einem gesellschaftlich überformten inneren Bild eines Vaters kommen, der viel arbeitet, Leistung erbringt, stark und durchsetzungsfähig ist und die andere Hälfte des Lebens wie Muse und einfach Spaß haben, Loslassen-können, Freizeit ausgiebig zu genießen, gar nicht abbildet. Da sind die Betroffenen dann lebenslang im Hamsterrad unterwegs in der Hoffnung so noch an die Anerkennung des verschwundenen Vaters zu kommen. Das Unbewusste geht eigene Wege.

Bei einem meiner Klienten war der frühe Tod des Vaters die unbewusste Triebfeder für entbehrungsreiche Jahre des Durchbeißens, um beruflich eine tolle Karriere hinzulegen. Er blieb aber innerlich immer unbefriedigt und leer. Er unterwarf sich jeder männlichen Autorität und erwartete oft vergeblich Nähe und Unterstützung. Durch den frühen Tod des Vaters konnte er kein eigenes realistisches Männerbild ausbilden und dadurch zum Beispiel mit dem Thema Rivalität und Aggression souverän umgehen. Er war bis heute noch auf der Suche nach der Anerkennung und dem Segen des Vaters.  Die Suche nach dem früh/früher vermissten Vater kann ein Leben lang unbewusst treiben, bis wir es uns bewusst machen (können).

Solange etwas nicht gesättigt wurde, bleibt das Bedürfnis bestehen.

 

Die Macht des inneren Vaterbildes – auch wenn er unbekannt ist

Sowie es biologisch keine Vaterlosigkeit gibt, nimmt der Vater auch im Aufwachsen des Kindes in der symbolischen Innenwelt des Kindes immer seinen Platz ein. Auch bei einer Vaterlücke mit der damit verbundenen Vatersehnsucht bilden sich diese Bilder heraus. Sie wirken deutlich spürbar auf die seelische Entwicklung der Kinder ein. Die inneren Bilder vom Vater werden immer – auch bei mangelnder Präsenz – für Kinder in vielerlei Alltagszusammenhängen erfahrbar.  Vielleicht sind diese Bilder nicht so positiv und nährend wie sie sein könnten. („Vater, weiß ich nicht, was das bedeutet. Ich habe keinen.“ „Väter rennen doch immer weg“, ..) Eine Therapie könnte dann helfen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und positive stützende Vaterbilder zu entwickeln. In meinen Väterseminaren lade ich die TeilnehmerInnen ein, Bilder dazu zu malen oder eine Collage zu erstellen; oft mit erstaunlichen Ergebnissen.

 

Die Frage „Wer bin ich?“ steht am Anfang aller existentiellen Suche nach Sinn und Orientierung.  Sie beginnt bei den Wurzeln, denen man entstammt.  Der Mensch ist ein Produkt seiner Herkunft und will sich als Teil einer Familientradition begreifen.

Im negativen Fall (wenn zum Beispiel der Vater bei der SS und an Kriegsverbrechen beteiligt war) kann es zu einer massiven Verunsicherung und darauf folgender innerer und äußerer Abgrenzung von der eigenen Familientradition kommen. In einem solchen tragischen Infragestellen der familiären Traditionslinie wird die Tragweite des tiefen Wunsches nach Familienbindung deutlich.

Bei Adoptionen – wie es bei Dagmar der Fall war – gilt: Kein Mensch kann über seine Herkunft betrogen werden. Ungewissheit und eine tiefe Ahnung nagen solange, bis die Suche beginnt.  Die Gewissheit und auch die Ernüchterung wie bei Dagmar können den Weg zu einem inneren Frieden ebnen. Wird die Suche zu früh beendet oder bleibt erfolglos, kann das in Leere und sprichwörtlicher Trostlosigkeit enden.

Real können Väter verschwinden, aber als inneres Bild sind sie unauslöschbar. („Wenn Papa jetzt hier wäre, dann…“ oder „Wenn ich groß bin, werde ich meinen Papa finden und hole alles mit ihm nach“.)

Diese Vaterbilder berühren tief unsere Bedürfnisse nach Bindung, Schutz und Sicherheit,  Orientierung, Selbstbehauptung und Selbstwertschätzung. Daraus kann dann ein Gefühl der Ganzheit entstehen und die Grundlage für ein stabiles Selbst-Bewusstsein sowie eine eigene Identität bilden.  

Ich möchte Sie einladen, ihre Erfahrungen mit diesem Thema als Kommentar mitzuteilen.

  • Hat Ihnen (auch) der Vater ganz oder teilweise gefehlt?
  • Wie sind Sie damit umgegangen?
  • Was hat Ihnen dabei geholfen?
  • Sind Sie irgendwann zu einer Versöhnung gekommen?
  • Einer Versöhnung in der direkten Auseinandersetzung mit Ihren Vater oder ohne diese, etwa in einer Therapie?
  • Wie sehen Ihren inneren Vaterbilder aus?
  • Was ist Ihnen sonst noch wichtig zu Thema?

Fotos:
Trennungsgrafik: geralt_pixabay
Vater beim Rumtoben: pezibear_pixabay
Vater malt mit Tochter: Foto: dagon_pixabay

2 Gedanken zu „Papa, wo bist du? Über die Vätersehnsucht

  1. Ich bin auch ein Mädchen, was ohne Vater aufgewachsen ist. Er hat meine Mutter verlassen, sobald er von der Schwangerschaft erfahren hatte. Das war vor mittlerweile 18 Jahren. Er war damals schon 45 und hatte zwei Kinder mit seiner Exfrau, die damals schon fast erwachsen waren und wollte nicht nochmal neu anfangen (so hat es mir wenigstens viel später meine Mutter erklärt) bzw. habe ich mittlerweile erfahren, dass meine Mutter ihn wohl ausgetrickst hat mit dem Schwangerwerden und er deshalb auch Kontakt strikt abgelehnt hat. Meine Mutter war bei meiner Geburt auch schon fast 40. Wahrscheinlich ist an der Geschichte also etwas dran auch wenn sie bis heute Stein und Bein schwört es wäre ein Unfall gewesen… Sie hat nie wieder einen Mann gefunden. Ist Einzelkind. Ihr Vater- mein Opa- war schon gestorben, als ich zur Welt kam. Ich bin also mit Mutter und Oma als Bezugspersonen aufgewachsen. Keine schlechte Kindheit. Aber die Frage nach meinem Vater hat mich von klein auf beschäftigt. Und ich wurde so ziemlich böse angelogen: Dein Vater arbeitet im Ausland (soweit hat es noch gestimmt) und kann dich deswegen nicht besuchen aber er hat dich sehr lieb und schickt deswegen jeden Monat Geld für dich. Als ich klein war habe ich oft meinen Freunden erzählt, dass mein Papa einen ganz wichtigen Beruf hat und das Geld für meine Mama und mich verdienen muss. Ich habe mir immer vorgestellt, wenn ich einmal groß bin und mein eigenes Geld verdiene, dann kann er endlich wieder zu uns kommen. Als meine Mutter -damals war ich 6- wieder anfing, zu arbeiten, glaubte ich lange Wochen, bald würde der Papa kommen können, weil genügend Geld da sein würde. Es war die Zeit um meine Einschulung herum. Und in der dritten Klasse bei der Kommunion sagten mir ein paar Kinder: Wenn dein Papa heute nicht kommt, dann kommt er gar nicht mehr. Der muss nicht Geld verdienen der will bestimmt einfach dich nicht sehen!
    Einer der schlimmsten Tage in meinem Leben. Trotzdem habe ich das nicht geglaubt, allerdings dann auch keine Geschichten mehr von meinem Vater erzählt in der Schule.
    Dann mit 14 kam eben der große Wunsch, ihn zu suchen. Meine Oma hat mir dabei geholfen und die Adresse ausfindig gemacht. In der Schweiz und damit rund 200km weit weg. Ich habe ihm einen Brief geschrieben. Erst 4 Wochen später kam die Antwort:
    Liebe XXX,
    Ich freue mich zu hören, dass es dir gut geht. Du bist ja nun schon ein großes Mädchen und deswegen möchte ich ganz ehrlich mit dir sein: wir haben beide unsere eigenen Leben und dabei sollten wir es auch belassen. Ein bisschen blabla noch, wie er mir einen tollen Weg wünscht und alles Gute. Das wars. Er wollte keinen Kontakt zu mir. Es hat mich unendlich verletzt.
    Als ich letztes Jahr mit Freunden am Bodensee war, haben wir uns einfach aufgemacht über die Grenze. Er wohnt genau dahinter. Das Haus haben wir recht schnell gefunden. Mit klopfendem Herzen habe ich geklingelt, während meine beste Freundin hinter einer Hecke gewartet hat. Aufgemacht hat mir seine neue Frau.
    Er hat noch eine neue Familie gegründet! Soviel zu er wollte nicht nochmal neu anfangen! Eine kleine Schwester habe ich noch bekommen, die nur 2 Jahre jünger ist als ich. Und mit ihm aufwachsen durfte. Die neue Frau war sehr nett. Hat mich hereingebeten. Einen Tee angeboten. Mein Vater würde erst abends zurück sein, die Schwester auch- sie waren gemeinsam bei einem Fussballturnier der Tochter. So lange konnte ich meine Freundin nicht warten lassen. Bin also wieder gegangen. Und habe die Adresse von unserem Campingplatz und meine Handynummer da gelassen. Am nächsten Tag hat er mir geschrieben. Wir haben uns getroffen. Und er hat mir nochmal gesagt, dass er mir alles Gute wünscht aber man die Zeit nicht aufholen kann und er das auch nicht möchte. Dass er seine Entscheidung vor vielen Jahren getroffen hat und dazu steht. Meine Welt ist zusammengebrochen.
    Mittlerweile weiß ich, dass seine beiden Kinder aus erster Ehe auch sehr guten Kontakt zu ihm haben. Ich bin schon Tante und meine beiden kleinen Neffen sehr oft bei ihrem Opa. Mein großer Halbbruder arbeitet mit meinem Vater zusammen. Sie sind beide Ärzte im gleichen Spital in der Schweiz.
    Alle sind willkommen. Nur ich nicht.
    Mittlerweile habe ich auch große Probleme mit meiner Mutter. Ich weiß nicht, wie ich ihr verzeihen kann dass sie mich so angelogen hat. Es ist mir schon klar, dass sie mich schützen wollte als Kind. Aber hätte es da nicht andere Wege gegeben? Wahre Aussagen kindgerecht statt diese ganzen scheiß Lügen.
    Ich fühle mich so traurig und verloren. Ungewollt von der einen und so sehr gewollt, dass getrickst wurde von der anderen Seite.
    Grüße an alle, die ähnliches erlebt haben !!!

    • Liebe Larilari,

      danke für Ihren sehr persönlichen Beitrag.
      Sie bschreiben ja anschaulich aus eigener Erfahrung das Thema des Blogbeitrages, was es heißen kann, ohne Kontakt und ohne die persönliche Anwesenheit zum leiblichen Vater aufzuwachsen.

      Sie haben es versucht und sind Ihrem Bedürfnis gefolgt!! Auch wenn er nicht will, so haben Sie ihn kennen lernen können. Alle vorherigen Fantasien über ihn sind nun durch ein konkretes Bild ersetzt und überflüssig geworden.

      Es wäre schön gewesen, es wäre anders gelaufen. Ob es „ein Unfall war oder Trickserei Ihrer Mutter“ … bei der Entstehung eines Kindes gibt es viele bewußte und auch unbewußte Anteile.

      Wichtig erscheint mir, daß Sie Ihr Ja zu Ihrem Leben für sich erneuern oder vielleicht erst einmal finden. Seien Sie es selbst, die sich willkommen heißt auf dieser schönen Welt. Machen Sie das Beste für sich draus. Auf eine -vielleicht verquere Art- hat Ihre Mutter Ja zu Ihnen gesagt und Sie in diese Welt geholt! Das kann auch helfen, Ihre Vaterwunde zu heilen.

      Vielleicht können Sie sich auch irgendwann mit Ihrer Mutter versöhnen bzw. vertöchtern.
      Sie hat Ihnen damals etwas erzählt, von der sie dachte, es ist das beste für Sie bzw. Ihr Verstehen als Kind. Stellen Sie sich vor, sie hätte gesagt, „Dein Vater will Dich nicht und ist deswegen von uns gegangen“.
      Wäre das leichter gewesen? Ich weiß von KlientInnen, dass solche Ausagen große Schuldgefühle mit sich gebracht haben. „Wegen mir ist mein Vater gegangen.“ Kinder beziehen vieles oder sogar alles auf sich.

      In der großen Enttäuschung durch Ihren Vater liegt -wie das Wort sagt- auch die Aufhebung der Täuschung. Er hat sich früh von Ihnen abgewendet und ist da konsequent geblieben. Und hat Ihnen ja immerhin auf Ihre mutigen Versuche der Konktaufnahme zweimal geantwortet und sich erklärt. Mehr kann oder will er nicht!

      Sie können ihn leider nicht zu einem anderen Verhalten zwingen. Was für Sie bleibt, ist meines Erachtens der schmerzhafte und am Ende hilfreiche Weg diese Realität anzuerkennen und loszulassen und Trauerarbeit zu leisten. Loslassen kann auch Energien für neue Projekte bereitstellen.
      Vielleicht ist Ihr Vater so sehr in seiner Verletztheit durch die „Trickserei“ Ihrer Mutter gefangen, dass Sie jetzt auch drunter leiden müssen.

      Ich will weder Ihren Vater oder Ihre Mutter entschuldigen. Aber solche Erklärungen können helfen, damit besser zurecht zu kommen. Dass Ihre MitschülerInnen Sie sehr verletzt haben, kann ich gut verstehen. Kinder können untereinander recht grausam sein, aber auch sehr ehrlich.

      Vielleicht kennen Sie das Konzept des inneren Kindes. Der Kern ist, das Sie Ihr verletztes Kind als erwachsene Frau an die Hand nehmen, und es gut durchs Leben führen. Sich selbst gute Eltern, also gute Mutter und guter Vater sein. Die Erwachsene hat den Hut auf und steuert durch das Leben, nicht mehr das hilflose und bedürftige kleine Kind. Der/die Erwachsene ist aber in gutem Kontakt mit dem inneren (verletzen) Kind und seinen Wünschen und Bedürfnissen.

      Sie schreiben von „keiner schlechten Kindheit“. Dann haben Ihnen Mutter und Oma viel Gutes mitgeben können und Sie haben Fürsorglichkeit erfahren. Sie können schauen, welche praktischen Seiten oder Aspekte in Ihrer Psyche fehlen, die Sie von Ihrem Vater hätten bekommen können.
      Welches Vater-/Männerbild haben Sie zum Beispiel dadurch entwickelt? Welche „Wahl“-Geschwister können Sie sich suchen, die mit Ihnen durch das Leben gehen? Wie leben Sie Ihre eigenen männlichen Anteile?

      Eine gute Hilfe könnte das Bestseller-Buch von Stefanie Stahl sein: „Das Kind in Dir muss Heimat finden“.
      Oder wenn es Ihnen alleine zuviel wird, besprechen Sie sich mit FreundInnen, schauen Sie nach einer Selbsthilfe-Gruppe zum Thema in Ihrer Umgebung oder suchen sich professionelle Hilfe bei einer/einem KollegIn. Zum Beispiel unter http://www.therapie.de finden Sie qualifizierte Kolleginnen und Kollegen mit Approbation oder mit einer staatlichen Heilerlaubnis in Ihrer Nähe.

      Ich hoffe, ich kann Ihnen Sie mit diesen Zeilen etwas unterstützen und wünsche Ihnen alles Gute und einen langen Atem.

      Herzliche Grüße

      Winfried Wershofen

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