Alte Verletzungen brauchen eine Würdigung zur Heilung

Sie kennen DAS vielleicht aus Ihrer eigenen Partnerschaft oder von Freunden.  Unregelmäßig aber beharrlich  beklagt sich ein Partner über eine alte Verletzung. Sie denken genervt, „DAS schon wieder“. Ein Wort gibt das andere…der Abend ist gelaufen.

Warum geschieht das in dieser Form immer wieder?

Meine These für den heutigen Blogbeitrag haben Sie schon in der Überschrift gelesen.

Alte Verletzungen brauchen eine Würdigung, um heilen zu können.

Es ist nicht erstrebenswert, aber es ist normal, das wir uns in unserem alltäglichen Miteinander immer auch mal kränken und verletzen.

Es geht nicht immer ohne Ungerechtigkeiten oder Verletzungen ab. Nicht absichtlich, aber weil wir Menschen Fehler machen, etwas vergessen, unachtsam sind oder in einer hitzigen Diskussion schnell Dinge sagen/machen, die uns bald danach sehr leid tun.

Normalerweise folgt einer Verletzung die Bitte um Entschuldigung oder –je nach Temperament der Beteiligten- eine Aussprache.

Das kann ganz klein im Kaufhaus geschehen, wenn ich durch eine Pendeltür laufe und übersehe, dass hinter mir jemand mit Kinderwagen kommt und diese gegen den Wagen schlägt. Eine kurzes „Tut mir leid, ich habe Sie nicht gesehen“ und oder eine Bitte um Entschuldigung. Dann dürfte nichts zurückbleiben. Im Idealfall kann ich die Tür aufhalten und nun Elternteil samt Wagen durchlassen.

Wenn ich die Konzertkarten für die Lieblingskapelle meines Partners zu spät bestelle und das Konzert ausverkauft ist… da kann ich auch sagen, dass es mir leid tut, das kann dann schon etwas länger die Beziehung belasten.  Aber auch das geht normalerweise zu Ende und renkt sich wieder ein.

Die alten, oft tiefen und unverheilten Verletzungen, die eine besondere Würdigung brauchen,  über die ich heute schreiben möchte, haben eine andere Dimension. 

Denn sie haben damals eben nicht die benötigte Würdigung erhalten. Das heißt, es hat das aufrichtige Bedauern, das für ein Vergeben und allmähliches Vergessen nötig wäre, nicht gegeben. In der Gestalttherapie heißt das: „Die Gestalt hat sich noch nicht geschlossen“. Die Situation ist noch nicht befriedigend bearbeitet worden. Die Kränkung wird als unerledigt abgespeichert und wird immer wieder bei passenden und unpassenden Gelegenheit aufs neue angetriggert. Deshalb kommen die „alten Geschichten“ immer wieder auf den Tisch.

Dazu ein Beispiel aus meiner Arbeit; für diesen Blogbeitrag etwas verändert:

Als Petra mit dem ersten Kind schwanger war, gab es Komplikationen. So musste sie im 6. und 7. Monat der Schwangerschaft zur besonderen Beobachtung und Behandlung ins Krankenhaus, um eine Frühgeburt verhindern zu können. Ihr Freund Holger kümmerte sich nach Kräften um sie, besuchte sie regelmäßig und nahm Anteil.  Und ging in dieser Zeit mit Petras guter Freundin Beate ins Kino und danach auch zweimal Mal mit ihr ins Bett.

Das Kind kam dann bei einer normal verlaufenden Geburt gesund zur Welt. Zwei Jahre später erfuhr Petra von dem damaligen Geschehen. Sie war tief verletzt, dass er fremdgegangen war, während sie zur Sicherheit des werdenden gemeinsamen Babys im Krankenhaus lag. Sie machte Holger heftige Vorwürfe.

Holger wischte all ihre Beschwerden  weg. Es wäre doch nur zweimal gewesen, es hätte „nichts zu bedeuten“, sie wären doch weiter zusammen und mittlerweile auch verheiratet. Das Kind sei auch gesund zur Welt gekommen. Es hatte inzwischen auch schon Gespräche und erste Planungen für eine gemeinsame Eigentumswohnung gegeben.

Als das Thema wieder einmal ergebnislos auf den Tisch kam und in lautem Geschrei von beiden Seiten endete, weigerte sich Petra weiter über eine gemeinsame Wohnung zu sprechen. Fortan  war die Beziehung zwischen beiden Partnern frostig und die Gespräche drehten sich nur noch um die Alltagsorganisation.

Was ist da schief gelaufen?

Ein optimale Entschuldigung könnte in den folgenden Phasen ablaufen:

  1. Der/die Verletzte schildert so ausführlich wie nötig, die damalige Situation aus der  eigenen Sicht. Besonderes wichtig ist, was genau die Verletzung ausmacht.
  2. Der/die VerursacherIn hört aufmerksam zu, versetzt sich in die Situation und soweit wie möglich in die Gefühlslage des Partners. Darauf sagt er/sie deutlich und ummissverständlich, dass es ihm/ihr leid tut. Ohne faulen Ausreden und Hintertürchen.
  3. Er/sie schildert, was falsch gelaufen ist und warum er/sie sich damals so verhalten hat. Aus der individuellen Sicht heraus, was damals die Motive für sein/ihr Handeln waren. Und dass er/sie ohne Beschönigung die volle Verantwortung übernimmt. Niemand anderes ist Schuld für den Seitensprung, die Beleidigung oder einen tätlichen Angriff als Beispiel.
  4. Jetzt ist ein aufrichtiges Bedauern dran, das man/frau sein Verhalten zutiefst bereut. Und das muss glaubwürdig sein und nicht etwa bei
    gleichzeitiger Bedienung des Smartphones herunter genuschelt werden. Dieses Eingestehen fällt sicher nicht jede/m leicht und verlangt ein gewisses Maß an Selbstbewußtsein.

  5. Dem folgt ein Angebot, eine Art von „Schadensersatz” zu leisten. Ein Versuch, es wiedergutzumachen. Das kann sein:
    – ein leckeres Drei-Gänge-Menu selbstgekocht oder im Lieblingsrestaurant der
    verletzten Person oder
    – die komplette Organisation des nächsten kinderfreien Wochenendes.
    – bei „kleineren“ Vergehen reichen vielleicht auch zwei Kino- oder Konzertkarten
    – oder die verletzte Person nennt den „Preis“, der zu zahlen ist. Etwa jeden Abend der kommenden Woche eine kleine Massage vor dem Zubettgehen.
    Oder drei Wochenenden lang das Sonntagsfrühstück ans Bett. Da können Sie sehr kreativ sein.
  6. Und zum Abschluss, die Bitte, der Andere möge einem das Fehlverhalten jetzt oder nach einer Bedenkzeit vergeben.

Dann hat oft auch eine alte und tiefe Verletzung eine Chance zu heilen.  In unserem Beispiel hat da Vieles gefehlt. Holger war nicht bereit, Verantwortung für sein Fremdgehen wirklich zu übernehmen, sein Bedauern auszudrücken und sich in Petra hineinzuversetzen. Da war noch keine Grundlage geschaffen, als dass die beiden über Punkt 4 und 5 hätten überhaupt sprechen können. Egal ob lustvoll oder in harter Verhandlung einen „Vergebungs-Preis“ zu fixieren.

Ohne das Ausbreiten und Anschauen und Würdigen der alten Verletzung kann es keine Heilung geben.
Die Verletzung verschwindet ja nicht durch langes Aussitzen oder Schweigen, sondern wirkt weiter und kommt bei passender Gelegenheit immer wieder hoch. In einem früheren Beitrag schrieb ich über das Grundbedürfnis nach Beachtung. Ich glaube, dass auch alte Verletzungen eine erneute liebevolle Beachtung brauchen, um zu heilen.

Wie im Bereich der Konflikte, wo sogenannte „heiße“ Konflikte ungelöst bleiben und irgendwann „kalt“ werden, an verschiedenen Stellen wieder aufbrechen, aber dort natürlich nicht gelöst werden können. Eine andere Ebene einzunehmen und zu fragen: „Um was geht es eigentlich?“ kann da recht hilfreich sein, nach den Ursachen für die plötzlichen Gereiztheiten oder Kämpfe an der „falschen Stelle“ zu forschen.

Selbst wenn Holger es nicht nachvollziehen kann, wäre es eine große Hilfe zu versuchen, sich in Petra und ihren großen Kummer hineinzufühlen. Zuzuhören, mitzuschwingen, vielleicht auch nur zu schweigen, anstelle sich immer wieder zu verteidigen oder dagegen zu reden.

Wenn das einmal gelungen ist, muss das Thema dann auch für die Zukunft abgeschlossen werden. Es darf von Petra nicht immer wieder als altes Argument in Diskussionen hervorgeholt und wieder neu ausgebreitet werden. Sonst endet das in Dauerschmerz und Bitterkeit. Petra müsste Holger seinen Fehltritt nach angmessener Würdigung auch einmal vergeben; sich mit ihm versöhnen wollen.

Wie in der Trauerarbeit, wo sich ein Zeigen etwa in Trauergruppen heilend wirkt, braucht auch eine tiefe, alte und ungeheilte Verletzung ein nachträgliches Anschauen und Würdigen. „Ich erkenne heute zum ersten Mal wirklich, wie verletzend mein Verhalten damals für Dich gewesen ist.“

Vielleicht muss das Paar auch noch einmal eine „zweite Runde dazu drehen“ und das Ritual noch einmal wiederholen.

Sie werden jetzt sicherlich fragen, wann eine Verletzung genug gewürdigt wurde? Dafür gibt es keine pauschale Richtgröße. Meine Erfahrung sagt allerdings, dass ein Paar das merkt, wenn diese Würdigung glaubhaft stattgefunden hat oder ob sich der/die Verletzende windet, sich der Verantwortung zu stellen. Oder wie zuvor erwähnt, die alte Verletzung als Dauerschleife immer wieder herausgeholt wird und überhaupt nicht heilen soll. Der alte Groll hält uns dann ewig gefangen.

Wichtig ist hier die Frage: Würde ich etwas verlieren, wenn ich der Person, die mich verletzt hat, nach ihrem aufrichtigen Bedauern dann auch vergeben würde? Müsste ich auf ein Stück Macht verzichten? Oder möchte ich ihn/sie noch etwas „am Haken“ lassen und Schuld für das eigene Unglück aufbürden? Was könnte ich vielleicht auch durch mein Verzeihen gewinnen?

Verzeihen können verlangt eine gewisse innere Stärke, ebenso wie in solch einem Ritual noch einmal die alten Kränkungen zu durchleben.

Es ist sicher unterstützend wenn nach solchen Verletzungen in Beziehungen auch eine gute gemeinsame Zeit möglich ist und gelebt wird. 

Zur Heilung braucht es immer wieder neue gute Beziehungserfahrungen.

Wenn es aber trotz aller Würdigung nicht zu einer einvernehmlichen Lösung kommt, braucht es vielleicht Hilfe von außen. Etwa von gemeinsamen Freunden, den beide vertrauen oder professionelle Hilfe in einer Beratungsstelle oder in einer Paartherapie. Sonst bleibt die Befürchtung, dass eine/r von beiden die Beziehung beendet, weil sie durch die immer währenden Anklagen zunehmend vergiftet wird. Immer zurück zur alten Verletzung, manchmal auch zu ganz frühen aus dem  „Urschleim der Beziehung“,  das hält auf Dauer niemand aus.

Im schlimmsten Fall können Sie an Verletzungen innerlich zerbrechen. Oder daran wachsen und die gemachten Erfahrungen für die eigene Entwicklung nutzen.

Mir ist bewusst, dass diese Würdigung nicht bei allen alten Verletzungen als Heilmittel dienen wird. Hiermit meine ich etwa das Thema Missbrauch, anhaltende körperliche Gewalt oder dauerhafte Lügen und Vertrauensbrüche.

Es gibt Verletzungen, die sind einfach unverzeihlich.

Es gibt Paare, die sollten nach solchen Verletzung auseinander gehen.

Ein Versuch, ob Sie nicht vielleicht doch aus dem Ihrem Groll aussteigen können, ist es  aber allemal wert.

Ich habe selbst in meiner Ehe und im Freundeskreis mit der Idee, alte Verletzungen, die immer wieder ins Spiel gebracht werden, noch einmal genau in ihrer Entstehung und Wirkung bis heute anzuschauen, gute Erfahrungen gemacht.

Wenn Sie DAS auch von sich kennen, probieren Sie die einzelnen oben genannten Schritte der Würdigung aus! Sie können dabei eigentlich nur gewinnen.

Ich freue mich, wenn Sie sich danach auch mit einem Kommentar mitteilen.


Fotos: Sihouette: mohamed_hassan/pixabay, No excuses: geralt/pixabay, Essen: stkpic/pixabay, Massage: carjens/pixabay, Hände mit Blumen: StockSnap/pixabay

2 Gedanken zu „Alte Verletzungen brauchen eine Würdigung zur Heilung

  1. Lieber Winfried,

    Ihrer Aussage, dass alte Verletzungen Würdigung und Zeit brauchen, kann ich nur zustimmen.

    Oft brechen alte Wunden gerade dann auf, wenn man es nicht erwartet. Nach einer schmerzhaften Trennung suche ich aktuell stark meine Mitte. Werde mich mal weiter bei Ihnen umsehen. :-)

    Viele Grüße

    Karolin

    • Liebe Karolin,
      Liebe Karolin,

      danke für Ihre Zustimmung.
      Viel Spaß und Anregung beim weiteren Schmökern.

      Lieben Gruß

      Winfried

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